Am 25. September dirigiert Kevin John Edusei die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz – bei einem Konzert der Mozart-Gesellschaft Wiesbaden im großen Thiersch-Saal des Kurhauses Wiesbaden. Über das Programm “Debussy trifft Mozart”, seine Einstellung zur Musik und zum Dirigieren sprachen wir mit ihm. Herausgekommen ist ein in jeder Facette spannendes Interview.
Was bedeutet Ihnen Mozart? Welche Anforderungen stellt gerade er an einen Dirigenten?
Mozart ist ein faszinierendes und rätselhaftes Phänomen. Ich hatte im Jahr 2008 das große Glück, sowohl eine Neuproduktion der “Zauberflöte” als auch das moderne Musiktheaterwerk “I HATE MOZART” des österreichischen

John Kevin Edusei, Dirigent
Komponisten Bernhard Lang zu dirigieren. Der Titel führt in die Irre, denn Bernhard Lang und sein Librettist Michael Sturminger sind große Mozart-Bewunderer. Inhaltlich geht es um das Ringen der Interpreten um Mozarts Musik. Der Protagonist des Stückes, ein Dirigent, wird für seine Mozart-Interpretation hoch gelobt, empfindet aber seine Begegnung mit dem musikalischen Genie Mozart trotzdem als eine niederschmetternde Niederlage. Damit klingt in dem Stück ein Aspekt an, der in der Auseinandersetzung mit Mozart wahrscheinlich für alle Interpreten eine Rolle spielt: Die Frage, auf welchem Niveau man scheitern will.
Das Progamm am 25.9. umfasst Debussy und Mozart, eine deutsch-französische Begegnung sozusagen. Wo liegen für Sie die Ähnlichkeiten zwischen beiden Komponisten?
Das Programm ist auf den ersten Blick von einem großen stilistischen Kontrast geprägt. Denn natürlich führt keine klare Linie der Wiener Klassik zum französischen Impressionismus des Fin de siècle. Wenn man allerdings Mozart als einen Komponisten versteht, der um die Bedeutung des Umbewussten weiß, gelangt man schon schneller zu Debussy, der dies zum Thema seiner Prélude à l’après-midi d’un faune erhebt. Pierre Boulez hat einmal gesagt, das Zeitalter der Moderne sei mit Debussys Prélude eingeläutet worden. Im Hinblick auf Mozart müsste man sagen: Mozart ist immer modern geblieben.
Wo und durch wen wurde Ihre Liebe zur Musik geweckt? War Ihre Familie musikalisch?
Musik hat in unserer Familie immer einen besonderen Stellenwert gehabt. Die einzige Berufsmusikerin unserer Familie ist allerdings meine Großmutter mütterlicherseits gewesen, die als Opernsängerin Musikerpersönlichkeit wie Hans Pflitzner, Kurt Eichhorn oder Eugen Jochum gekannt hat. Sie hat es leider nicht mehr miterlebt, dass mich meine erste Stelle als 1. Kapellmeister ebenfalls ans Theater Bielefeld geführt hat.
Können Sie Ihren persönlichen Stil beschreiben, ein Orchester zu führen?
Mir ist es wichtig, dass sich unter meinem Dirigat Dinge entfalten können. Ich bewundere bei den großen Dirigenten der Zunft, dass sie den Mut und das Vertrauen haben, auch loszulassen zu können. David Zinman hat mir hierbei einmal eine große Lektion erteilt, als er das Orchester, mit dem ich gerade probte, bat, einmal ohne mich zu spielen. Dummerweise klang das viel, viel besser als mit mir. Das darf natürlich nicht sein. Wir Dirigenten sollten deshalb nie vergessen, dass wir selbst keinen Klang produzieren.
Kann ein Dirigent dazu beitragen, wieder mehr junge Leute in die Konzertsäle zu holen? Was müsste geschehen?
Das Thema ist komplex, darum gibt es hier keine einfachen Antworten. Natürlich können Dirigenten ihren Beitrag leisten. Ich engagiere mich jedes Jahr für knapp zwei Wochen im OrchesterCamp der Jeunesse musicales Österreich, das der Dirigent Manfred Honeck gegründet hat. Dort stellen wir jährlich ein Orchester aus 14- bis 18-Jährigen zusammen, das vorher noch nie zusammen gespielt hat. Jedes Mal kommen so ungefähr 120 junge Musiker zusammen. Das Niveau ist stark unterschiedlich. Wir haben Gewinner von Musikwettbewerben, Schüler, die sich ernsthaft auf ein Musikstudium vorbereiten und blutige Anfänger. Die Jeunesse möchte aber ganz bewusst keine elitäre Veranstaltung à la Bundesjugendorchester sein, sondern es möglichst vielen ermöglichen, teilzunehmen. Von den Jugendlichen wird später bestimmt nur ein kleiner Teil Berufsmusiker. Aber vielleicht legen wir bei allen anderen den Grundstein dafür, dass sie später gerne zu Konzerten Klassischer Musik kommen.
Sie haben ein Profil im sozialen Netzwerk Facebook – wie übrigens viele Künstler. Muss heute ein Musiker auch ein “Netzwerker” sein?
Musiker sind mit wenigen Ausnahmen immer schon Netzwerker gewesen. Denken Sie z.B. an die Reisen, die W.A. Mozart in jungen Jahren gemacht hat. Mein Facebook-Profil nutze ich aber – wie übrigen viele Künstler – rein privat.
Dirigenten (siehe Gramsch, München) sind oft auch Vorbilder im Bereich Führung für Manager und Unternehmer. Können diese auch von Ihnen lernen?
Das weiß ich nicht! Denn dazu müsste ich mich in der Welt des Management auskennen, oder zumindest wissen, was Führungskräfte in der Wirtschaft von anderen Disziplinen lernen wollen. Bringen Sie mich mit Managern zusammen, dann stehe ich Ihnen Rede und Antwort. Ich habe aber meine leisen Zweifel daran, ob man ein Orchester mit einem Unternehmen und den Dirigenten mit dem CEO gleichsetzen kann. Wir Musiker arbeiten dazu zu sehr in einem Umfeld, dass sich der Rationalität bewusst entzieht.
Moderne Musik ist Ihnen besonders wichtig? Warum?
Moderne Musik ist für mich ein vollkommen normaler Bestandteil unserer Musikkultur. Sie ist mir aber nicht wichtiger oder unwichtiger als die Musik anderer Epochen. Genauso wie ich Ausstellungen aktueller bildender Künstler besuche oder mich neue Literatur und Filme inspirieren, interessiert es mich natürlich auch zu erfahren, wie meine musikalischen Zeitgenossen ticken. Die vielzitierte Krise der Modernen Musik kann ich beileibe nicht erkennen, dazu kenne ich viel zu viele Komponisten, die unglaublich tolle Musik schreiben.
Auf welche Details, welche Feinheiten sollte Ihr Publikum besonders achten bei Ihrem Dirigat?
Augen zu und genießen…